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Assessment-Center – ein Bericht

Lesen Sie den Bericht einer 18-jährigen Bewerberin um eine duale Ausbildung (Ausbildung und Studium kombiniert).

Ich bin 18 Jahre alt und mache im nächsten Jahr Abitur. Zeit also zu entscheiden, was ich nach der Schule machen will. Nachdem ich mich über viele verschiedene Möglichkeiten informiert hatte, entschied ich mich für ein betriebswirtschaftliches Studium kombiniert mit einer Ausbildung in einem Unternehmen (duales System).

Etwa 20 Bewerbungen habe ich dafür abgeschickt und eines Tages kam ein Brief einer großen Schreibwarenfirma. Sie schrieb mir, dass ich in die engere Wahl gekommen sei. Bis zu diesem Termin waren es noch einige Wochen, in denen ich mich auf die Bewerberauswahltagung, so nannte man es, was aber nichts anderes als ein Assessment-Center (AC) ist, vorbereiten konnte. Allerdings hatte ich bis zu diesem Zeitpunkt keine Ahnung, was dort auf mich zukommen würde. Im Einladungsschreiben stand nur der Hinweis, dass ich einen Taschenrechner mitbringen und bitte den ganzen Tag freinehmen soll.

Mein erster Weg führte mich deshalb in die Bücherei. Zum Thema Assessment-Center, Vorstellungsgespräch und Testtraining gibt es viele nützliche Bücher. Das hilft bei der Vorbereitung.

Als dann der große Tag kam, fühlte ich mich doch ganz schön nervös. Ich bin schon am Tag zuvor nach Hannover gefahren, weil ich aus der Nähe von Aachen komme und der AC-Tag bereits früh um 8.30 Uhr anfangen sollte. So konnte ich mir am Abend vorher das Gebäude der Firma ansehen. Ganz nett!

Am nächsten Morgen war ich überpünktlich, und als ich in die Eingangshalle kam, standen schon einige Mitbewerber da. Alle waren sehr schick gekleidet und sahen ebenso wie ich ziemlich verunsichert aus. Ich unterhielt mich mit zweien der anderen Bewerber, was uns drei schon etwas die Angst nahm. Meine Gesprächspartner hatten – im Gegensatz zu mir – bereits ein paar Bewerberrunden mehr hinter sich und wussten ungefähr, was gleich auf uns zukommen würde.

Ein Tipp von mir, um seinen Teamgeist und seine Aufgeschlossenheit zu zeigen: Am besten man geht offen auf die „Konkurrenten“ zu und unterhält sich. Denn selbst der Herr am Empfang kann ein Beobachter sein, der schon mal das erste Verhalten der Bewerber beobachtet (habe ich jedenfalls so gelesen).

Kurz nach 8.30 Uhr wurden wir dann von drei jungen Leuten abgeholt – sie stellten sich uns als Azubis vor – und in eine Art Konferenzsaal geführt. Dort stand auf einem großen Tisch vor jedem Platz ein Namensschild, sodass eine Sitzordnung bereits vorgegeben war. Wir waren vier Bewerberinnen und vier Bewerber. Zuerst stellte sich das Auswählerteam vor (man nennt sie Assessoren oder Beobachter), das uns durch den Tag führen sollte: der Personalchef und drei junge Auszubildende. Anschließend sollten wir Bewerber uns ganz kurz vorstellen: Alter, Hobbys, wo wir herkommen und was wir im Moment machen. Das war schon mal die erste Hürde. Ich war froh, mich nicht als Erste vorstellen zu müssen, denn man will ja nichts Falsches sagen und ganz dröge sollte es ja auch nicht sein. Dann erklärte man uns, wie der Tag ablaufen würde, und schon ging es los.

Wir absolvierten zuerst einen schriftlichen Test. Deutsch (Rechtschreibung und Grammatik) und Allgemeinwissen (Geschichte, Politik, Wirtschaft, Literatur, Kunst, Musik, Sport und bedeutende Persönlichkeiten) wurden geprüft. Dabei ließ man uns Bewerber während dieser ganzen Zeit allein. Die Prüfer verließen den Raum! Warum, weiß ich allerdings nicht. Unser Verdacht: vielleicht, um zu überprüfen, ob wir so alleingelassen zu schummeln beginnen würden.

Nach einer kurzen Frühstückspause ging es mit der Überprüfung unserer Englischkenntnisse weiter. Mehrere Sätze vom Englischen ins Deutsche und vom Deutschen ins Englische mussten übersetzt werden. Dann sollten wir noch einen kurzen Englischaufsatz schreiben. Hier machte mir der Zeitdruck ganz schön zu schaffen.

Den Abschluss dieser Testreihe bildete ein Konzentrationstest. Wir bekamen ein Blatt, auf dem viele Zeilen mit den Buchstaben d, p und q standen. Immer wieder waren über und unter den Buchstabenreihen Striche. Man hatte für jede Zeile nur 10 Sekunden Zeit, um alle p, die zwei Striche aufwiesen (egal ob oben oder unten) zu markieren. Die Zeit wurde gestoppt. Klingt einfach, ist es aber nicht und nach wenigen Minuten wird es total nervig. Nach 20 Minuten flimmert’s vor den Augen!

Nach einer kurzen Erholungspause, in der wir uns auch mit den Auszubildenden unterhalten konnten, bekamen wir dann als Gruppe ein Thema gestellt und mussten untereinander eine Diskussion führen. Unser Thema lautete: Wie gut bereitet die Schule auf die Ausbildungs- und Arbeitswelt vor? Der Anfang der Diskussion war das Schwierigste. Keiner wollte so richtig gleich etwas dazu sagen. Genau in dem Moment, als ich anfangen wollte, hat sich dann doch ein Mutiger vorgedrängelt. Er schlug vor, es solle sich jeder erst mal eine Mindmap anfertigen, damit wir etwas geordneter in die Diskussion starten könnten. An der Diskussion habe ich mich dann stark beteiligt und meinen Standpunkt zu dem Thema eingebracht. Zum Ende dieser Runde sollte jeder noch einmal kurz und präzise seine Meinung zum Thema äußern. Mir fiel auf, wie wichtig es ist, bei der Diskussion die anderen aussprechen zu lassen und Blickkontakt zu halten. Die Diskussion dauerte etwa ein halbe Stunde. Obwohl ich erst dachte, ich könnte überhaupt nichts zum Thema beitragen, habe ich mir dann doch eine Meinung gebildet und diese auch geschickt vorgetragen. Es hat mir sogar richtig Spaß gemacht, mit den anderen Bewerbern zu diskutieren, und ich glaube, wir alle verloren bei der Diskussion einen großen Teil unserer Nervosität.

Dann musste jeder an einem Rollenspiel teilnehmen. Einer der Beobachter wechselte in die Rolle eines potenziellen Kunden. Ich sollte ihn überzeugen, ein Abo für eine Lexikareihe zu kaufen. Natürlich stellte er sich ziemlich stur an, von wegen Internet und Wikipedia, wollte sich nicht überzeugen lassen, etwas zu abonnieren, aber dann gelang es mir zum Schluss doch noch. Mensch, war ich froh!

Anschließend wurden wir zum Mittagessen eingeladen. Auch bei diesem Teil des Tages hatten wir alle das Gefühl, uns in einer Prüfungssituation zu befinden. Ich glaube, es war sehr wichtig und nützlich, sich mit den anderen zu unterhalten, denn unsere Prüfer saßen mit am Tisch. Nach dem Essen wurden wir durch das Unternehmen geführt und bekamen alle Bereiche zu sehen, in denen wir später ausgebildet werden sollten. Während des Rundgangs hatte ich die Gelegenheit, mich mit einem der Auszubildenden zu unterhalten.

Natürlich wollten wir auch erfahren, nach welchen Kriterien die Bewerber für das AC ausgewählt wurden. Man sagte uns, dass die Bewerbungsunterlagen eine große Rolle gespielt haben; ebenso die Noten, aber die nicht primär. Auch besondere Kenntnisse, Interessen oder Erfahrungen, z. B. Auslandsaufenthalte oder Praktika, seien von Bedeutung gewesen. Überhaupt die gesamte Aufmachung …

Zum Schluss wurde jeder Bewerber zu einem etwa 30-minütigen Einzelgespräch gebeten. Vor diesem Interview war ich ganz besonders nervös. Aber zum Glück verlief das Gespräch eigentlich sehr locker. Es waren außer mir noch vier Personen im Raum, die mich alle sehr genau beobachteten. Wieder mit dabei das Prüferteam, das uns durch den Tag geführt hatte. Zunächst nannte man mir die Ergebnisse des Einstellungstests, auch im Vergleich zum Gesamtdurchschnitt der Gruppe. Die anschließenden Fragen bezogen sich hauptsächlich auf meinen Lebenslauf. Dann wollte mein Gegenüber wissen, weshalb ich meine, die richtige Kandidatin für diese Ausbildung zu sein. Zur Kritik am AC aufgefordert hatte ich nicht viel zu sagen, denn ich war eher angenehm überrascht von den Leuten und der gesamten Bewerbungssituation.

Und nun das Beste: Nach einer Woche erhielt ich telefonisch die Zusage.